Twint CEO, Thierry Kneissler - Public Sector Insight

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Im Rahmen der Interviewserie teilen Persönlichkeiten aus der Schweizer Politik, Wirtschaft, Forschung und Medien ihre Meinungen zu technologischen Entwicklungen, Erwartungen an die Schweizer Verwaltungen und empfehlen ihr Lieblingsbuch. Die Äusserungen und Meinungen in den Interviews sind persönlicher Natur. Im Rahmen der Serie beziehen Exponenten unterschiedlicher Organisationen und Parteien Stellung. Deloitte ist unabhängig, neutral und unterstützt keine politischen Institutionen.

Thierry Kneissler

Nach dem Volkswirtschaftsstudium an den Universitäten Bern und Cork (Irland), mit Abschluss lic.rer.pol, begann Thierry Kneissler 1996 sein Arbeitsleben in der Finanzbranche bei der Berner Kantonalbank. 2001 absolvierte er ein Vollzeit-Executive MBA an der Universität St. Gallen HSG im Bereich «neue Medien». In der darauffolgenden Beratungstätigkeit in der «New Economy» bei der Unternehmung New Impact vertiefte er sein technisches Verständnis und sammelte erste Management-Erfahrungen.

2003 wechselte Thierry Kneissler als Projektleiter zu PostFinance. 2004 wurde er Assistent des Leiters PostFinance, im selben Jahr übernahm er die Verantwortung für die Unternehmensentwicklung. 2008 bis 2014 begleitete und prägte er als Mitglied der Geschäftsleitung die strategische Entwicklung von PostFinance. Mit einem kleinen Team entwickelte Thierry Kneissler 2014 die Idee für TWINT – ein neuartiges Mobile Payment-System direkt von Konto zu Konto, einsetzbar im E-Commerce, an der Kasse und zwischen Personen. In drei Monaten genehmigten die Organe von PostFinance das Vorhaben und die TWINT AG wurde gegründet. 12 Monate später erfolgte der «Go Live», nach 2 Jahren die Fusion mit Paymit. Nach dem Relaunch 2017 begann das starke Wachstum, auf schon bald 1 Mio. Kundinnen und Kunden. Als Gründer und CEO durchlebte er die ganze Entwicklung hautnah und sammelte unzählige Erfahrungen, die man nur in der Praxis machen kann.

Thierry Kneissler ist verheiratet, hat zwei Kinder (11- und 13-jährig) und lebt in Bern. In seiner Freizeit treibt er Sport und liest gerne Bücher.

1. Was schätzen Sie an der Schweiz?

Emotionale Verbundenheit, Familie, Freunde, Sicherheit, Verlässlichkeit, Stabilität, Vertrauen, man geht «anständig» miteinander um. Wahrscheinlich etwa das, was man Heimat nennt.

2. Welchen Bezug haben Sie zum öffentlichen Sektor in der Schweiz?

Im Alltag denselben wie die meisten Menschen: Unsere Kinder gehen in die öffentliche Schule, ich nutze die funktionierende Infrastruktur. Beruflich bin ich ihm seit 2003 verbunden, als ich bei PostFinance anfing und über 10 Jahre dort arbeiten durfte.

3. Welche Erwartungen haben Sie als Bürgerin/Bürger an die Schweizer Verwaltungen?

Sie muss funktionieren. Sie soll alle gleich behandeln. Sie soll Augenmass wahren und pragmatisch sein. Und sie soll effizient sein. In der Summe erwarte ich einfach eine gute Dienstleistung.

4. Was würden Sie in der Schweiz sofort ändern, wenn Sie die Möglichkeit dazu hätten?

Dass alle an einem Strick ziehen, um eine möglichst gute Zukunft zu schaffen für unsere Kinder. Es handeln noch zu viele Menschen und Unternehmen nur in ihrem Eigeninteresse und sehen nicht, dass man gemeinsam weiter kommt als alleine – denn die meisten heutigen Herausforderungen wie Innovationsfähigkeit, Umweltschutz, Migration kann man nur zusammen lösen, sei es national oder über die Grenzen hinweg.

5. Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen für den öffentlichen Sektor in den nächsten fünf Jahren?

Die Digitalisierung ist natürlich das grosse Thema. E-Government gibt es schon lange, es gibt gute Insellösungen, aber «das grosse Ganze» sehe ich noch nicht. Wie im kommerziellen Umfeld braucht es «Plattformen», welche Dienstleistungen sinnvoll vereinen.

Dann glaube ich, dass der öffentliche Sektor immer stärker unter Kostendruck gerät. Er muss seine Aufwände rechtfertigen und die Leistungen nachweisen. Dies ist per se begrüssenswert, aber wir müssen aufpassen, dass nicht nur ökonomisch argumentiert wird, sondern auch soziale und ökologische Aspekte berücksichtigt werden. Der öffentliche Sektor spielt eine grosse Rolle für den Zusammenhalt des Landes, dazu sollte man Sorge tragen.

6. Welche Technologie fasziniert Sie und welche wird unser Leben in fünf Jahren grundlegend verändern?

Faszinieren tut mich das autonome Fahren. Als ich zum ersten Mal vor etwa zwei Jahren in einem Tesla sass und mir der Beifahrer sagte, ich solle das Lenkrad loslassen, war das schon ein spezieller Moment. Und das Auto fuhr tatsächlich in der Spur weiter.

Diese Technologie wird auch unser Leben verändern: Es wird viel weniger Autos brauchen, die Städte sehen anders aus, wir bewegen uns anders, die ganze Mobilität wird neu definiert. Allerdings weiss ich nicht, ob dies bereits in fünf Jahren soweit sein wird. Vielleicht dauert es auch zehn Jahre.

7. Wie stellen Sie sich den bargeldlosen Zahlungsverkehr der Zukunft vor?

Dass alle Menschen mit TWINT bezahlen! Mittelfristig wird dies mit Smartphones geschehen, langfristig wird das Bezahlen in den Hintergrund rücken und einfach «geschehen».

8. Welche Gefahren sehen Sie in der technologischen Entwicklung?

Wir dürfen nie vergessen, dass Technologie nur ein Mittel zum Zweck ist. Und der Zweck ist, dass es den Menschen, Tieren und der Umwelt besser geht als heute. Nicht alle technologischen Entwicklungen gehen in diese Richtung.

Auch sehe ich die grosse Gefahr, dass sich die Gesellschaft teilt in eine Gruppe, die technologisch mithält und profitiert und in eine andere, die abgehängt wird. Falls wir das nicht ändern, wird es grosse Spannungen geben.

9. Welches Buch empfehlen Sie als „Must Read“?

Es gibt so viele! Wenn ich wählen muss: Sachbuch «The Hard Thing About Hard Things» von Ben Horowitz - das beste Buch über die Erfahrungen in Start-Ups. Fiktion «Das Labyrinth der Lichter» von Carlos Ruiz Zafon, der letzte Roman einer 4-teiligen Serie über Spanien nach dem Bürgerkrieg – hervorragend geschrieben.

10. Mit welcher berühmten Persönlichkeit (am Leben oder nicht) würden Sie gerne Abend essen – und warum?

Winston Churchill. Weil er mit seinen Entscheidungen und offenbarer Sturheit den Verlauf des 2. Weltkriegs massgebend beeinflusste. Ein Leader mit eigenem Charakter, Ecken und Kanten, wie es nicht mehr viele gibt. Europa hat ihm viel zu verdanken.

 

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Jen Frei - Senior Consultant, Public Sector

Jen Frei ist ein erfahrener Berater bei Deloitte im Team Business Design mit Fokus auf den öffentlichen Sektor in der Schweiz. Er ist spezialisiert auf Business Analysen, Operational Excellence Initiativen sowie Projekt- und Programm-Management.

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