Digitalisierung im Bildungswesen - eine didaktische Herausforderung - Public Sector Insight

Digitalisierung im Bildungswesen
Die technologische Entwicklung übt zunehmend Einfluss auf das Bildungswesen aus und stellt dieses vor neue Herausforderungen. Gleichzeitig bietet sie jedoch neue Möglichkeiten in der Wissensvermittlung.

Die Anforderungen an Bildungseinrichtungen und Lehrer steigen. Einerseits werden die (finanziellen) Ressourcen immer knapper, andererseits steigen die Anforderungen an die Fähigkeiten der Lehrer in Bezug auf die Verhaltensweisen der neuen Generationen. Zudem wird erwartet, dass Schulen die Voraussetzung für lebenslanges Lernen bieten. Nicht zuletzt verlangen 90%  der in Europa ausgeschriebenen Stellen grundlegende Computerkenntnisse, welche bei den derzeitigen Arbeitnehmern nur bedingt vorhanden sind. 


Die wichtigsten Trends

Innovative technologische Möglichkeiten, gepaart mit einem neuen Paradigma in der Bildung, ändern das Lernerlebnis grundlegend. Es wird personalisierter und kollaborativer. Bereits heute werden Lehrer und Lernprozesse durch fünf Trends beeinflusst, welche bis jetzt nur geringe Marktdurchdringung vorweisen können:

Gamification und digitale Abzeichen

  • Gamification ist die Anwendung von Spiel-Mechanismen auf Lernprozesse und Themenbereiche. Diese motivierende und belohnende Methodik kann vielseitig angewendet werden, Leistungen fördern, Lernergebnisse verbessern und somit einen Wettbewerbsvorteil bieten.
  • Durch sichtbar gemachte Belohnungssysteme können die Lerneffekte zusätzlich verstärkt werden. Digitale Abzeichen, welche die Lernerfolge belegen, sowie der Einsatz von 3D-Druckern können hier unterstützend wirken. 3D-Drucker bieten die Möglichkeit, theoretische Modelle und Fakten durch praxisorientierte Lernerlebnisse zu ergänzen.

Integriertes Lernen und MOOCs

  • Gemeinsames Lernen wurde ursprünglich aus Gründen der Kosteneffizienz eingesetzt. Integriertes Lernen (blended learning) sowie Massive Open Online Courses (MOOCs) gehören zu den ersten Vertretern der kollaborativen Lernmethodik. 
  • Integriertes Lernen ist als direktes Ergebnis des technologischen Fortschritts im Bildungsbereich anzusehen. Bei dieser Lernform werden traditionelle, soziale Lernmethoden durch ein digitales Erlebnis ergänzt um einen möglichst effizienten und effektiven Lernprozess zu ermöglichen. 
  • MOOCs weisen in Europa exponentielles Wachstum vor. Um das Wachstum weiter zu fördern, besteht Optimierungsbedarf im Zertifizierungssystem, einer einheitlichen Vertriebsstruktur und in einem nachhaltigen Geschäftsmodell.

Projektbasiertes Lernen

  • • Projektbasiertes Lernen besteht im Grundsatz in der kontinuierlichen Suche nach authentischen und realistischen Situationen, in denen die Schüler ihre theoretischen Kenntnisse durch experimentieren und praktische Anwendungen ihrer Kenntnisse üben können. Gerade diese praktischen Erfahrungen unter didaktischen Rahmenbedingungen bieten hohen Mehrwert im Lernprozess und können gerade bei speziellen Lerninhalten eingesetzt werden.

Adaptive Lerntechniken

  • Adaptive Lerntechniken sind Software- und Online Plattform-Lösungen, welche auf die individuellen Lernbedürfnisse der Schüler und Studenten zugeschnitten sind. Sie bieten Lehrern die Möglichkeit, ihre Schüler mittels verhaltensbasierter Daten zu prüfen und angemessen zu begleiten.
  • Diese Entwicklung ermöglicht, dass fehlende Fähigkeiten und Kernkompetenzen ganz gezielt angegangen werden können. Einerseits um den persönlichen Lernerfolg zu steigern und andererseits den Anforderungen des Arbeitsmarktes gerecht zu werden sowie die Lernenden angemessen auf die Arbeitswelt vorbereiten zu können.

Lernen mit Analytik- und Big Data-Anwendungen

  • Big Data wird im Lernkontext häufig unterschätzt. Dabei kann dieser Bereich von Budgetplanungen bis zur Leistungserfassung von Lehrern und Studenten die Strukturen der Lernmethoden neu definieren und Bildungseinrichtungen unterstützen. 
  • Der Zugang zu globalen Netzwerken und Vergleichswerten kann zu länder- und kulturübergreifenden Verbesserungen führen. So führt die Analyse und Verwertung von Leistungen, Erfahrungen oder Werdegängen zu grundlegenden neuen Erkenntnissen. Benchmarks bieten einen Mehrwert für alle teilnehmenden Ländern und Institutionen.

Abwägung der Investitionen

Trotz dem Potential neuer Technologien sind einige Gesichtspunkte dieser Entwicklung genauer zu betrachten:

ROI – Return on Investment

  • Die Initialinvestitionen, gerade in frühen Phasen, erscheinen hoch und der ROI wird sich erst langfristig zeigen. Gerade durch neue disruptive Effekte lässt sich der Break-even Zeitpunkt nicht eindeutig definieren.

Soziale Ungleichheit

  • Der digitale Fortschritt hängt massgeblich davon ab, wie hoch der Anteil Bildungsinvestitionen am BIP sind. Alle öffentlichen Institutionen und Länder müssen die gleichen Investitionen tätigen. Ist dies nicht der Fall, vergrössert sich die Lücke zwischen Entwicklungsländern und Industrienationen weiter.

Menschliche Interaktion

  • Soziale und menschliche Interaktionen sind im Lernprozess erfolgsentscheidend. Eine Mehrheit der digitalen Trends, wie beispielsweise MOOCs in Industrienationen, untergräbt diese Notwendigkeit. Hier wird ein identischer Ansatz wie im traditionellen Lernen gewählt, welcher einen hohen Ressourceneinsatz benötigt - ohne evidenzbasierte Ergebnisse. Die Rolle des Lehrers bleibt zentral, nur in anderen Rahmenbedingungen.

Komplexität und Investitionen in Lehrer

  • Die Rolle der Lehrpersonen wird sich in den kommenden Jahren drastisch ändern. Sie werden nicht mehr als einzige Wissensquelle wahrgenommen, sondern sollen als Mentor die Schüler und Studenten führen und lenken, sowie gleichzeitig eigene neue Problemfelder und Lösungswege erkennen und erarbeiten.

Psychologischer Einfluss auf Studenten

  • In den letzten Jahren haben Studien vermehrt die Herausforderungen und negativen Effekte des digitalen Klassenzimmers sowie der kognitiven Erfahrungen der Schüler betont. Gerade Technologie wird häufig mit Ablenkung assoziiert. Auf kognitiver Eben wird der Technologie zusätzlich unterstellt, eine gewisse Trägheit zu fördern. Aus diesen Gründen bestehen Hypothesen, dass eine komplette Digitalisierung der Klassenzimmer zu einer abnehmenden Effektivität und Schülerproduktivität führt, sowie langfristig gesehen die Konzentrationsfähigkeit im Arbeitsumfeld beeinträchtigt.

Fazit

Zurzeit spielen sowohl Digitalisierung als auch die Technologie noch keine bahnbrechende Rolle in den europäischen Schulzimmern und weisen eine dementsprechend tiefe Maturität auf. Durch stetiges Wachstum, z.B. durch kontinuierliche Adaption von neuen Technologien, wird der Weg für die Digitalisierung des Bildungssystems jedoch langsam geebnet.

Was muss nun getan werden, um die Entwicklung im Bildungswesen zu beschleunigen? Die Basis liegt in der Durchführung und Teilnahme von web-basierten Lerntätigkeiten, der Kommunikation und dem Austausch über die jeweiligen Lernerfahrungen sowie in signifikanten Investitionen in den digitalen Lernprozess seitens des Bildungssystems. Sobald diese Grundsteine gelegt sind, werden Technologien wie Augmented Reality und Virtual Presence Einzug halten und einen weltweiten Zugriff auf innovative Lernmethoden und -werkzeuge ermöglichen.

Weitere Informationen

Weitere Informationen zu den Themen “hybride Lehrer“, “Assistenzroboter in der Bildung“ oder “der Einfluss von Augmented Reality auf die Klassenzimmer der Zukunft“ finden Sie auf unserer globalen Homepage.

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Philipp Roth - Partner, Public Sector

Philipp ist Partner unseres Service-Bereiches Consulting und verfügt mit mehr als 14 Jahren Erfahrung in der Bundesverwaltung sowie in verschiedenen Kantonen und Städten über einen sehr starken Background in Public Sector Industrie der Schweiz. Zudem hat Philipp verschiedenste Organisationen im Bereich eGovernment sowohl auf strategischer als auch auf operativer Ebene beraten.

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Stefan Russian - Direktor, Public Sector

Stefan ist Direktor im Consulting und spezialisiert auf Beratungsdienste für die Schweizer Regierung sowie andere Kunden im Bereich des öffentlichen Sektors. Er verfügt über umfangreiche Erfahrungen mit Strategieprojekten, Zielbetriebsmodellen, dem Coaching von Programmmanagern, Kostenoptimierungen und Effizienzsteigerungen in Geschäftsprozessen, grossen Rollouts von Standard-Software sowie IT-Professionalisierungen.

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